GOTT UND DIE WELT

Veröffentlichung am 09. Oktober 2019


Seid nett zueinander

Dr. Edgar S. Hasse
Kirchengemeinde Alt-Rahlstedt,
Journalist, Theologe und Kreuzfahrtseelsorger
e-Mail: edgar.hasse@abendblatt.de

"So ein Idiot!" Dieses Schimpfwort wird mir als Fahrradfahrer von einem anderen Verkehrsteilnehmer entgegengeschleudert. Dieser sitzt in seinem Mercedes-Cabrio, als ich ihm entgegenkomme und er deshalb langsamer fahren muss. Es ist eine von vielen Alltagszenen, die einen Trend dokumentieren: Der Ton unter den Menschen wird härter, rauer. Anstand? Höflichkeit? Respekt? Fehlanzeige.

Stattdessen häufen sich die Angriffe auf Sanitäter, Bademeister, Feuerwehrleute. Was in den sozialen Netzwerken längst gang und gäbe ist, bricht sich jetzt auch in der analogen Wirklichkeit Bahn. Es sind Wut und Hass als Ausdruck eines ins Wanken geratenen inneren Gleichgewichts. Wer den Kompass der christlichen Gottes- und Nächstenliebe und der Humanität verloren hat, ist dumpfen Gefühlen und platten Parolen vernunftlos ausgeliefert. "Seid nett zueinander" lautete im August die Aktion des Hamburger Abendblatts. Damit knüpft die Regionalzeitung an jenes Motto des Verlegers und Abendblatt-Gründers Axel C. Springer an, mit dem er in der Nachkriegszeit die Menschen zu Respekt und Höflichkeit aufrufen wollte. Die Resonanz auf die Neuauflage dieser Aktion durch das Abendblatt-Motto war überwältigend.

 

Firmen und Handelsketten haben die Aufkleber ebenso bestellt wie Arztpraxen und Kirchengemeinden.

Gerade die christlichen Gemeinden sind Orte des "Nettseins". Sie gründen auf der Kultur jüdisch-christlicher Gastfreundschaft. "Sie sind willkommen!" ist hier keine bloße Floskel, sondern Baustein des Selbstverständnisses gelebten Christseins. Gerade von Pastorinnen und Pastoren wird erwartet, "nett" zu sein. Sie stehen, freundlich lächelnd, vor den Gottesdiensten am Kirchenportal und geben jedem Besucher die Hand. Und danach wird jeder Einzelne persönlich verabschiedet.

In Zeiten rauer Sitten und Umgangsformen dürfte die Ausstrahlungskraft der Kirchengemeinden als Oasen der Freundlichkeit wachsen. "Nett"-sein ist hier keine punktuelle Aktion, sondern Programm. Es trägt die Handschrift der Menschenfreundlichkeit Gottes, wie sie in Jesus von Nazareth erkennbar ist. Und im Lächeln eines jeden Geschöpfs.

Denn "Jeder Tag, an dem Du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag" (Charlie Chaplin).

 

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